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kath 2:30 Dies DominiSitzen ein Christ, eine Jüdin und ein Muslim zusammen. Wie die Ringträger aus der berühmten Parabel Lessings wussten sie nicht, wer von ihnen den wahren, den echten Ring hatte. Es hieß ja, dass von ihm eine geheime Kraft ausging, der vor Gott und den Menschen angenehm macht. Und so waren sie alle erpicht, ein angenehmes Erscheinungsbild abzugeben. Wie auch immer: Jede bzw. jeder war überzeugt, den Königsweg gefunden zu haben. Die Jüdin lebt in der Überzeugung, dem Volk anzugehören, das Gott sich selbst erwählt hatte. Der Christ strebte danach, dem zu folgen, der der Weg, die Wahrheit und das Leben sei und niemand zum Vater komme, außer durch ihn (vgl. Joh 14,6). Der Muslim hingegen hatte keinen Zweifel daran, der ältesten und der jüngsten Religion anzugehören: Die ganzen Propheten hätten ihr Bestes gegeben, Juden und Christen die wahre Religion zu erklären; weil die aber die Botschaften verfälscht hätten, musste noch einmal Mohammed kommen, um es ein für alle Mal richtig zu stellen. Was glauben Sie denn?

Wieder einmal hatte es einen Anschlag gegeben. Wieder einmal hieß es, der Täter sei islamistisch motiviert gewesen. Die Betroffenheit war groß. Der Muslim erhob als erster die Stimme:

„Wenn einer jemanden tötet, nicht für jemand, es so sein soll, als ob er die Menschen alle getötet hätte. Und wenn einer jemanden am Leben erhält, soll es so sein, als ob er die Menschen alle am Leben erhalten hätte.“ (Sure 5,32)

Die Jüdin horchte auf: „Den Satz kenne ich! Er steht im Talmud, und zwar in der Mischna zum Traktat Sanhedrin 4,5. Dort geht es um den Brudermord Kains an Abel. Dessen Blut schrie zum Himmel. Mit dem Satz antwortet Gott auf diesen Schrei. Er ist eine Anklage!“

Der Christ hatte dem Muslim über die Schulter geschaut:

„Schaut! Das steht auch im Koran. Dort wird der Satz eingeleitet mit den Worten: ‚Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben, dass, wenn einer jemanden tötet, es so sein soll, als ob er die Menschen alle getötet hätte.‘ (Sure 5,32)“

Der Christ und die Jüdin schauten den Muslim an. Seine Worte hatten schön geklungen. Er war ja überzeugt, dass die Botschaft von ihnen, Juden wie Christen verfälscht worden sei. Wenn der Koran sich also den Satz aus dem Talmud aneignete – war damit gesagt, dass Juden, aber auch Christen, dieser Weisung Gottes nicht gefolgt wären und es jetzt einer Korrektur bedurfte? In der Tat las die Jüdin weiter und stutzte. Nur ein paar Verse nach dem schönen Zitat las sie:

„Du mein Gesandter! Diejenigen, die sich im Unglauben ereifern, brauchen dich nicht traurig zu machen, die nur so obenhin sagen: ‚Wir glauben‘, aber mit dem Herzen nicht glauben, und die dem Judentum angehören, die immer nur auf Lügen hören und auf andere Leute, die nicht zu dir gekommen sind. Sie entstellen die Worte der Schrift, nachdem sie ursprünglich an ihrer richtigen Stelle gestanden haben, und sagen: ‚Wenn euch dies gebracht wird, dann nehmt es an!“ (Sure 5,41)

Stand da wirklich, dass sie für den Muslim eine Ungläubige war?

Auch der Christ, für den es, wie für die Jüdin keine Ungläubigen, sondern bestenfalls Andersgläubige gab, war nun wach geworden:

„Schaut. Hier, in derselben Sure heißt es auch: ‚Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen und nicht mehr zu der Gemeinschaft der Gläubigen.‘ (Sure 5,51)

Und da, da wird es noch unfreundlicher:

‚Sag: Ihr Leute der Schrift! Habt ihr denn keinen andern Grund, uns zu grollen, als dass wir an Gott glauben und an das, was zu uns, und was früher herabgesandt worden ist, und dass die meisten von euch Frevler sind? Sag: Soll ich euch von etwas Schlimmerem Kunde geben im Hinblick auf eine Belohnung, die Frevler aus euren eigenen Reihen, bei Gott erhalten haben? Leute, die Gott verflucht hat, und auf die er zornig ist, und aus denen er Affen und Schweine und Götzendiener gemacht hat.‘ (Sure 5,59f)

Sind wir etwa gar keine Menschen in deinen Augen?“

Der Muslim stockte. Nach einer etwas zu langen Pause antwortet er: „Unsere Religion ist tolerant!“

Die Jüdin und der Christ schauten sich an. Ob das der Attentäter wusste? Ob das die islamischen Machthaber im Iran, Irak, Jemen und Syrien wissen, wo kaum mehr Juden und Christen leben? Ob das die Hamas beachtete, als sie in den Süden Israels einfiel? Ob das die Mitglieder von Boko Haram wissen, die in Nigeria Christen abschlachten? Ob man das in Mauretanien weiß, wo ein Mann in Haft sitzt und auf seinen Prozess wartet, weil sein Verbrechen darin bestand, dass er vom Islam zum Christentum konvertiert ist? Der Christ schaute dem Muslim in die Augen: „Sag es nicht uns. Sag es deinen Glaubensbrüdern, die das offenkundig missverstanden haben. Und lass uns – bei allem Respekt – ehrlich darüber sprechen, wer wir für dich sind: Kufar, Ungläubige – oder doch Menschen? Wie deutest Du den Koran, der doch komplexer ist, als du es uns glauben machst. Ich habe Fragen!“

Wie wertvoll könnte ein echter Dialog der Religionen sein, bei dem man nicht nur kuscheln will. Es gibt einfach zu viele Fragen!

Dr. Werner Kleine

Erstveröffentlicht  in der Westdeutschen Zeitung vom 7. August 2026.

Author: Dr. Werner Kleine

Dr. Werner Kleine ist katholischer Theologe und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal. Er tritt für eine Theologie ein, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

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